Wie aus Außenseitern eine Community wurde

Alles fing mit der roten und blauen Edition an. Tausende und abertausende Kinder stürmten in Geschäfte, darunter wohl auch ich. Doch Pokémon ist nicht immer gleich Pokémon. Ein Junge damals, ja wieso ein männlicher Held?? Vielleicht weil man schon wusste, das es mehr Jungen spielen würden. Die Spieler, die damals schon anfingen sind heute schon beinahe geistig erwachsen, und ein Mädchen, oder eine junge Frau, hätte kein Problem damit, das ganze mit einer männlichen Hauptperson durchzuspielen. Aber Pokémon war damals ganz bestimmt nicht für Leute, wie wir hier sind. Ich habe zwei ältere Geschwister und kenne auch deren Freunde, und keiner von denen zeigte auch nur jedliches Interesse an den ersten Editionen.

Das es mehr männliche als weibliche Spieler geben würde, war also schon besiegelt, da ein siebenjähriges Mädchen nicht so leicht einen Jungen spielen würde (in diesem Alter sind ja Burschen und Mädchen auch schon wieder entfernter als im Kindergarten und bei weitem nicht so nahe wie in der pubertären Phase des Lebens)

Doch schauen wir uns nach der Emanzipationsfrage auch noch generell das System des Helden an: Es ist auffallend, dass der Held kleinen, einsamen Kindern vermittelt, das sie auch etwas erreichen können. In der TV Serie wird das Zusammensein von Freunden so herausgestrichen und auf der blauen Edition ist er eigentlich einsam. Die Arenaleiter wirkten auf Grund ihrer Stärke nicht als Freunde, sondern eher als Rivalen und der Rivale selbst war ja auch im Prinzip der einzige, der dich die ganze Zeit begleitet hat. Pokémon war also nicht nur wegen den coolen Monstern beliebt, sondern vielleicht auch deshalb, weil sich mancher mit dem Helden identifizieren konnte und das Allein-Sein überwand.

Durch die silberne und goldene Edition kam ein 180° Wandel. Die Welt schien noch näher, noch greifbarer, man konnte noch leichter in sie flüchten. Doch auch die um einiges bessere Grafik gab dem ganzen noch zusätzlichen Auftrieb. Und der Held war nicht nur mehr allein mit seinen Viechern unterwegs. Das Telefon z.B. gab dem ganzen eine gewisse Marke, man kam sich vor, als sei man der Liebling aller Welt. Und der Champ der Top Vier war kein Rivale, sondern jemand, mit dem du den Fluch namens Team-Rocket vertriebst. Und trotzdem konnte man sein Helden-Leben noch ganz ausschöpfen. So mancher von uns erinnert sich noch an die ausgeschweiften Jagten mit den Hunden, die einen Mythos darstellten.

Doch langsam kam auch die Community im Internet in Gang. Die Edition war keine schöne Welt mehr, in der man nicht einmal wusste, was Raikou überhaupt genau war. Seit diesem Zeitpunkt wurden die Editionen vermutlich - leider - ein Mittel zum Zweck.

Natürlich ist ebenfalls die Frage zu stellen, wie sich die Pokémon in das von mir erörterte psychologische System anpassen. Sind sie unsere Tiere, unsere Sklaven oder doch Freunde für ein virtuelles Leben, denen man Spitznamen gibt, damit man einen gewissen Persönlichkeitsbezug zu ihnen hat? In das von mir verlautbarte System passen sie sich (imo.) so an, dass ihre Rolle von Kind zu Kind variierte. Viele genossen es, sie stolz vorzuzeigen, wenn z.B. es das eigene, seltene Dragoran schaffte, eine andere Legende wie Aerodactyl oder Glurak zu besiegen. Für manche sind Pokémon also Kampfmaschinen, mit denen sie ihre Überlegenheit auf eine andere (virtuelle) Weise ausdrückten, für wieder andere ein Sammelobjekt, das man stolz herzeigte, weil ihr voller Pokédex von unglaublicher Ausdauer und guten Nerven zeugte und für eine Gruppe, die immer kleiner wurde und wird, was mit den unten Geschriebenen erörtert wird, Freunde, die einem aus der Realität holten.
Ja, wie vielseitig kann Pokémon sein!

Pokémon heute und morgen:

Vieles unterscheidet sich heute. Wir sind eine Gemeinschaft, und sehr viele laufen mit 5 Eiern im Team herum, damit man unbedingt gute Gene bekommt. Das durchforsten der Edition kann manchen gar nicht mehr schnell genug gehen, Pokémon wie die Regis haben nichts geheimnisvolles mehr an sich. Einerseits ist das schade, andererseits ein Geschenk. Es gibt genug Leute, die nicht so viele Freunde haben, die Pokémon spielen. WiFi wird das übrige dazu tun. Das WiFi wird eine Kehrtwende bringen, die sich schon seit geraumer Zeit ankündigt. Gemeinschaften von Edition spielenden Kindern sind nicht mehr vom Freundeskreis abhängig, sondern werden durch das Internet verstärkt und so wird das weltweite Pokémonnetz eine sehr interessante Struktur annehmen. Die Pokémon werden nicht mehr die einzigen Freunde des alleinigen Süchtlers sein, sondern lediglich Instrumente der Macht eines Einen! Wirklich eines Einen? NEIN! Die Spieler, welche bisher alleine spielten, Netbattler ausgenommen, werden Gruppen bilden. Sie sind die Zukunft und die meinige, bzw. die unsere Generation wird der Mentor sein. Ein Mentor, der eine so breite Masse wird lehren (müssen), das der Einzelne keine Wichtigkeit mehr hat. Die Spielerverbindungen werden sich häufen und so entsteht ein Netz, dass aus mehreren Nestern besteht, ja aus tausenden Nestern sogar, und jedes dieser Nester umfasst wieder mehr oder weniger Spieler.

Diese Gemeinschaft wird gut, denn sie wird animieren und tolle Homepages erstellen, sich im Kampf messen und das, was bisher immer nur Fiktion war, nämlich die Freundschaft zu der anderen Welt, wandelt sich zu einer Freundschaft mit gleichgesinnten, sprich anderen Pokémonspielern um.

So wurde aus einem Projekt für von Mitschülern geoutete Kinder ein weltweites Genialitätsspiel, das seinen Kult erst einmal verlieren muss. Oft muss ich mich fragen, wie Pokémon aussehen würde, wenn ich vor 2 1/2 Jahren nicht auf eine Pokémon-Internet-Seite gestoßen wäre. Vermutlich hätte ich von Wesen keine Ahnung, doch um ehrlich zu sein, ich wäre so und so begeistert von Pokémon.

Abschließende Gedanken

Vermisst man die Zeiten, wo man mit Geschwistern stritt, welches Moveset (den Ausdruck würde man natürlich nicht kennen, eher welche Attacken) einem so gutem legendären Pokémon namens Regirock geben sollte, oder wünscht man sich doch etwas die Zeiten zurück, wo das Wesen noch keine Bedeutung für einen hatte, weil man genoss?
Ich für mich kann diese Frage nicht beantworten. Ich weiß nur, das es irgendwo Spieler gibt, für die das Item Wahlband die gleiche Bedeutung trägt wie die Ev´s, nämlich keine. Und ich weiß, dass es Spieler wie uns gibt, die dafür Tourneys battlen!


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