Durch einen schrillen Ton schreckte F. auf. Er erinnerte sich kurz noch an das Geträumte. Er und ein ihm unbekanntes, an die Wand gekettetes Mädchen waren in einem langen Flur gefangen und während er versuchte zu entkommen indem er eine lange Leiter hinaufstieg, versuchte das Mädchen mit aller Gewalt die Ketten dazu zu bringen, unter großem Kraftaufwand die angeketteten Gliedmaßen einfach abzuschneiden. Er erinnerte sich letztlich nur noch an diese Szene, sowie die Tatsache dass er kurz vor dem Unterbrechen des Schlafes von der Leiter fiel. Er träumte öfters von so etwas. Und es machte ihm jedesmal Sorgen. Doch war da nicht etwas? Ja genau, der Schrille Ton der aufgeweckt hatte. Und da, da war er schon wieder. Er identifizierte ihn sofort als die Türklingel, welche laut seinem Bekunden Tote erwecken könnte, und hastete zur Tür. Er war sich sicher, dass es B. sein musste, schließlich war sie angekündigt. Er betätigte den elektronischen Türöffner und öffnete gleichzeitig die Wohnungstür. Tatsächlich: es war B., welche auch direkt hereingepurzelt kam. Sie war nass, da es draußen mittlerweile stark regnete. Bei dem Anblick fiel ihm auf, dass er noch Wasser auf dem Herd hatte. Er rannte zurück in die Küche und betrachtete den ruhigen Topf. Die Herdplatte war aus. Wahrscheinlich hatte sie sein Mitbewohner ausgeschaltet. Aber konnte er sich da wirklich sicher sein? Wäre F. nicht eh chronisch verwirrt, so wäre er es spätestens jetzt.
B. trat zu ihm. Sie war bereits hereingekommen und suchte bereits das Zimmer von F. auf. Sie setzte sich auf das Bett und begann, die nasse Kleidung zumindest soweit auszuziehen, dass es nicht weiter störte. F. gesellte sich zu ihr und schaute sie an. "Wollen wir Karten spielen?" sagte er gelangweilt und wusste eigentlich bereits, dass die Antwort "Ja" lautete.
B. saß ihm direkt gegenüber und mischte bereits die Karten. Sie spielten fast immer Karten wenn sie gemeinsam bei ihm waren. Sie taten es nicht weil sie so sonderlich viel Spaß daran hatten, sondern hauptsächlich deshalb, weil sie sich irgendwie beschäftigen mussten. Sie waren beide nicht gerne draußen, zumal eh ein Sturm draußen wütete, und Filme anschauen wollten sie auch nicht, da sie es ja auch durchaus machen konnten, wenn sie für sich alleine waren. Und für nebensächliche Dinge wie etwa Liebesspiele jeglicher Art, war es zum einem zu früh, zum anderen waren sie beide nicht recht in der Stimmung.
"Du fängst an" sagte B. und holte damit F. auf den Boden der Realität zurück. Er hob die Karten auf und sortierte diese. "Nur Mist auf der Hand" murmelte er und blickt B. vorwurfsvoll an. Sie spielten Rommé, wie jedesmal wenn sie Karten spielten, obwohl die Regeln wohl eher Canasta glichen. Nunja, eigtl. war es eher ein willkürliches Spiel. Aber das interessierte niemanden wirklich. Hauptsache es war ein Spiel das man spielen konnte.
Nach einigen Spielverläufen legten sie die Karten nieder. Es stand fünf zu sieben. Ein Ergebniss das beide nicht wirklich beachteten. Um genau zu sein ignorierten sie es munter. Sie lagen noch eine Weile nebeneinander, manchmal auch aufeinander oder übereinander. Ab und an stach F. ihr in die Seiten oder kitzelte sie. Die meiste Zeit aber streichelte er sie höchstens, falls er ihr nicht in den Armen lag. Während die Stimmung gerade auf einem Tiefpunkt war, wobei sie dennoch die Ruhe und das Beisammen zu genießen wussten, schaute B. auf den Wecker. "Es ist bereits halb zehn" seufzte sie erstaunt und gleichzeitig enttäuscht. So langweilig den beiden auch war, wenn sie zusammen waren, vor allen an Tagen wie diesen, so waren die Abschiede doch immer wieder schmerzlich. Schließlich waren sie dann erneut allein und mit dem Beisammensein konnten sie so ziemlich alle unangenehmen Dinge vergessen und gänzlich in ihrer Welt verschwinden. Doch da B. am nächsten Tag in die Schule musste war ein längeres Bleiben nicht möglich. Zwar gingen beide in die selbe Schule, ja sogar in die gleiche Klasse, doch war F. vor kurzem suspendiert worden. Er habe sich nicht an die Regeln gehalten, meinten sie. In Wirklichkeit passte er ihnen einfach nicht. Denn er hatte es einfach geschafft den erbärmlichen Lehrkräften und Mitschülern einen Spiegel vorzuhalten, welcher eben nicht die verniedlichte Darstellung ihrer selbst zeigte, sondern die blanke Realität. Er hasste sie fast allesamt. Und das ließ er sie spüren. Nur B. hasste er nicht. Sie war ihm von Anfang an sympathisch.
B. stand auf, zog ihre Jacke an und war gerade dabei ihre Schuhe anzuziehen, als auch F. aufstand um dasselbe ebenfalls zu beginnen. Wie jeden Abend musste er B. nach Hause bringen, denn der Weg war weit und führte durch die unschönsten Gegenden der Stadt. Sie hatte schlicht und ergreifend Angst dort allein hinauszugehen. Genauso wie er hatte sie einfach zu viel erlebt. Und so musste er mit hinaus in die Kälte. Doch für sie tat er es gern. Für so ziemlich jeden anderen hätte er sich geweigert. Zu wenig sind ihm seine Mitmenschen wert.
So dann gingen sie in der Kälte in Richtung des Hauses, in welchem B. wohnte. Wie üblich unterhielten sie sich auf dem Heimweg fast mehr als in der Zeit, wo sie auf seinem Bett saßen. Nebenbei machte sich F. eine Zigarette an. "Du übrigens." sagte B. fast nebenbei, als hätte dies keinerlei Bedeutung. "Was denn?" fragte F. neugierig und irritiert zugleich. "Nunja, die anderen aus der Klasse wissen nun von uns beiden" sagte B. und seufzte. Sie beide wollten eigentlich nicht, dass dies geschieht, aber jetzt wo es so weit war, blieb ihnen nichts anderes übrig, als es zu akzeptieren.
Der Rest des Weges verlief ruhig. Beide waren sie in Gedanken versunken und wagten es nicht, den anderen anzusprechen. Als sie schließlich ankamen vereinbarten sie noch eben, dass B. am Freitag erneut zu ihm kommen würde, und dann verabschiedete F. sich auch schon von ihr und ging nach Hause zurück.
Auf dem Rückweg wollte F. seinen Mp3-Player herausholen und anmachen, doch das Gerät ist mittlerweile so stark beschädigt dass es nicht einmal mehr Töne von sich gibt. So dachte er eben über den Tag nach, und über die Woche und was es nicht sonst noch zum darüber Sinnieren gab. Dass er knapp 1000€ Schulden hatte, ignorierte er einfach. Ebenso die Tatsache, dass er keine Chance sah, aus diesen hinaus zu kommen. "Ich sollte einfach auswandern" dachte er sich, "In ein Land in dem nicht von einem erwartet wird bis zum 25. Lebensjahr zu Hause zu wohnen, und möglichst auch nicht in ein Land in dem es leichter ist Waffen zu kaufen als eine Schachtel Zigaretten zu erstehen. Und wenn es geht mit einem Schutzalter unter 18." F. seufzte. Viel zu oft hatte er sich über irgendetwas aufgeregt als sich noch über irgendetwas ernsthaft aufzuregen. Nach Sibirien würde er gerne auswandern. Doch selbst dafür fehlt das Geld. "In diesem Scheißstaat zu leben geht mir auf die Nerven. Am besten ich gehe einfach irgendwohin, schieße wild um mich und gebe damit meine Kapitulation bekannt", dachte er sich.
Kaum hatte er zu Ende gedacht, war er auch schon wieder zu Hause. C., sein Mitbewohner, grüßte ihn noch mit den Worten "Na? ist die Schabracke endlich wieder weg?" und widmete sich wieder seiner Pizza. Zwar war F. noch immer hungrig, doch er entschied direkt ins Bett zu marschieren. Er zog sich so schnell wie möglich um und ließ sich ins Bett fallen, deckte sich zu und ordnete noch kurz seine Gedanken. "Wenn das so weiter geht", dachte er, "dann raste ich noch völlig aus. Ich will nicht mehr, kann nicht mehr. Verdammt nochmal, ich hasse sie alle..."
Mit diesen Worten schlief er ein...
Weiteres verqueres aus meinem einzigartigen, bizarren und beängstigenden Lebensalltag gibt es im nächsten Teil. Hier noch einmal eine Kurzzusammenfassung all der Unterseiten dieses Zyklus