Buch: Monster (Manga)

Bewertung: 4 Manga-Thriller mit deutscher und tschechischer Kultur
Rezension verfasst von N-Friend am 26.07.2016:
#   

Man nehme ein wenig Götterkomplexe wie in Death Note, gebe dazu einen Löffel Sherlock Holmes sowie eine Prise Dr. Jekyll & Mr. Hyde und erhalte schließlich den Seinen-Thriller Monster von Naoki Urasawa. Oder so ähnlich...

Monster ist ein 18-bändiger Manga, der größtenteils im Mitteleuropa der 90er Jahre spielt. Der Protagonist, Dr. Kenzo Tenma, ist ein japanischer Chirurg in Düsseldorf, der zu den besten seiner Zunft gehört. Obwohl er auf der Karriereleiter schnell nach oben klettert und weitere Beförderungen vor der Tür stehen, widersetzt er sich eines Tages dem amoralischen Befehl seines Vorgesetzten und retten einen kleinen Jungen anstatt einem reichen Unterstützer des Krankenhauses das Leben, weil ersterer zuerst in den Operationssaal gebracht wurde. Tenma verliert das Vertrauen seiner Vorgesetzten und gilt fortan als gescheitert, bis diese kurz darauf vergiftet wurden. Neun Jahre später erfährt Tenma, dass der Junge - das "Monster" - für die Morde verantwortlich war und weitere plant. Er entschließt, seinen Fehler wieder gutzumachen und das Monster zu töten.

Monster ist ein durchaus interessanter Manga, besonders was das Setting anbelangt. Haupthandlungsort ist Deutschland beziehungsweise viele verschiedene Deutsche Städte sowie Prag. Besonders die Darstellung der deutschen Städte macht den Manga für deutsche oder mitteleuropäische Leser lesenswert. Naoki Urasawa hat sein Wissen über die Kultur und die Geschichte Deutschlands und Tschechiens aus Büchern, ohne selbst vor Ort gewesen zu sein. Trotzdem wirken die Städte realistisch, die Plattenbauten in Dresden sowie das nordische Flachland bei Bremen sind genau so authentisch wie die Darstellung der Karlsbrücke oder des Altstädter Rings in Prag. Auf den Speisekarten stehen deutsche Begriffe, die Autokennzeichen sind korrekt und auch die deutschen und tschechischen Namen tragen zur Realistik der Gesamtszenerie bei. Man könnte fast meinen, der Autor sei Mitteleuropäer. Allerdings auch nur fast, da sich teilweise Rechtschreibfehler ins Deutsche und Tschechische einschleichen und die Kultur eben teilweise falsch dargestellt wird: Gerade das Unileben ist in Deutschland ein anderes als es in diesem Manga gezeigt wird. Abgesehen von Prag kann man auch keine Stadt anhand der Wahrzeichen wiedererkennen. Deutschland wirkt also tatsächlich etwas austauschbar.
Ebenso spannend wie das Setting ist aber die Verbindung mit der Geschichte. Es gibt erstaunlich viele Verweise aud die deutsche, die tschechische und die deutsch-tschechische Geschichte. Sei es durch den Zweiten Weltkrieg, die Unfreiheit im Kommunismus, versuchte Grenzübertritte beim Eisernen Vorhang oder die Aufstände '68 in der BRD, der DDR und der ČSSR. Der Einfluss geschichtlicher Einflüsse wird überwiegend korrekt dargestellt, auch gesellschaftliche Probleme wie Fremdenhass und kapitalistische Zwänge werden bedrückend real im Manga. Ein wichtiger zur Handlung beitragende Punkt ist außerdem die Umerziehung von Kindern in der DDR. Zwar wird - manga- und fiktionstypisch - ein Kinderheim erfunden, das besonders grauenvoll und ideoligisiert ist, allerdings beruht diese Übertreibung auf tatsächlichen Wurzeln. Die DDR wollte in (Spezial-)Kinderheimen den "neuen (sozialistischen) Menschen" schaffen, das ist wissenschaftlich herausgearbeitet. Wie Urasawa dies in seinem Manga nutzt und weiterspinnt, ist eine große Stärke der Lektüre.

Zeichnerisch ist der Manga durchschnittlich. Es wird besonders auf die erzählte Story wert gelegt, die Bilder sind weniger ausdrucksstark. Die Zeichnungen der Städte sind gelungen, die Charaktere sind real dargestellt, haben deswegen aber häufig denselben Gesichtsausdruck, der auf einer Seite teilweise bis zu vier Mal zu sehen ist. Gerade am Anfang des Mangas sehen die Charaktere sich insgesamt zu ähnlich, womit eine Unterscheidung und Wiedererkennung teilweise schwierig ist. Dies wird im Verlaufe der Geschichte besser, ohne dass die Charaktere plötzlich zu abgefahren werden. Ansonsten verzichtet der Manga überwiegend auf starke Bilder, wobei besonders die schönen Naturskizzen mehr hervorstechen könnten.

Die Personen haben teilweise einen komplexen Charakter. Gerade ihre Verbindungen zueinander machen die Geschichte somit interessant zu verfolgen. Leider ist die Gut-Böse Zeichnung gelegentlich zu deutlich, gerade der Protagonist hätte etwas weniger Weiß-Zeichnung ertragen können. Besonders die Deus-ex-machina Momente sind mit der Zeit zu zahlreich gewesen, ebenso wie die häufigen Wiederholungen der gut gemeinten Ratschläge des Protagonisten. Trotzdem wurde die Verwobenheit der Geschichte besonders ab der Hälfte des Mangas zum großen Pluspunkt, da die Zusammenhänge der Handlungsstränge hier wesentlich besser dargestellt wurden als noch am Anfang.

Etwas schade ist auch, dass sich der Manga teilweise nicht entscheiden konnte, ob er besonders realistisch sein soll oder doch eher fiktive Elemente einbringt. Während er sich beispielsweise auf Jack the Ripper beruft, findet die Person des Hulk im unglaublichen Steiner ein Synonym. Das Album Supreme von John Coltrane wird gezeigt, auf der anderen Seite wird ein berühmter tschechoslowakischer Fußballspieler erfunden. Die Karlsbrücke in Prag gibt es wirklich, das Eisler Memorial Hospital in Düsseldorf nicht. Tatsächliche Referenzen hätten diesem Manga gutgetan.

Monster ist ein eher kurzweiliger Manga mit einem sehr interessanten Setting und glaubhaften Charakteren. Von Vorteil wäre es sicher gewesen, wenn Naoki Urasawa tatsächlich mal in Deutschland gewesen wäre und sich somit noch stärker an der tatsächlichen Kultur hätte orientieren können. Dennoch ist Monster ein empfehlenswerter Seinen-Thriller, besonders für deutsche und tschechische Leser.

Du musst dich zuerst bei Pokefans anmelden um einen Bericht zu schreiben.