Buch: Lycidas

Bewertung: 5 Lycidas (Christoph Marzi)
Rezension verfasst von Windprinzessin am 30.12.2010:
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Bei Eröffnung des Reviewportals war mir sofort klar, was das Erste sein würde, was mein Review bekommen würde: Christoph Marzis Uralte-Metropolen-Reihe, bestehend aus den Titeln "Lycidas", "Lilith", "Lumen" und "Somnia" - und da Lycidas der erste Teil ist, ist es wohl sinnvoll mit eben diesem anzufangen.

Kurz zur Handlung. Die Hauptperson Emily Laing ist ein 11-jähriges Waisenmädchen aus London, dass dank einem tollwütigem Hausmeister nur noch ein Auge hat. Eines Tages wird sie in der Küche von einer Ratte angesprochen, die sich als "seine Lordschaft Hieronymus Brewster" vorstellt. Nach dem Schrecken, dass Ratten a) sprechen können und b) Adelstitel haben, gibt der Rattenlord einige obskur wirkende Hinweise von sich und verschwindet.
Kurz darauf überschlagen sich die Ereignisse - ein Kind wird aus dem Waisenhaus entführt, Emily flieht und wird von dem permanent mürrischem Alchemisten Mortimer Wittgenstein aufgesammelt - dieser übrigens schreibt aus der Ich-Perspektive, hat aber wie ein Auktorialerzähler Einblick in alle Gedanken und Gefühle. Verwirrt zunächst, aber man gewöhnt sich dran.
Dieser zeigt Emily eine völlig neue Welt auf: die uralte Metropole von London, die Stadt unter der Stadt. In dieser wandeln die fantastischsten Kreaturen umher, und dort bekriegen sich zwei Clans. Erst nach und nach wird klar, was für eine Rolle Emily in dieser Welt spielt, denn zunächst macht sie sich mit Wittgenstein, einem freundlichen Elfen namens Maurice Micklewhite und ihrer besten Freundin Aurora Fitzrovia auf die Suche nach dem Grund für das Verschwinden der Kinder in London. Dabei stoßen sie auf Lord Lycidas, der sich als etwas herrausstellt, womit niemand gerechnet hat...

Zunächst einmal werde ich die typischen Vorwürfe abklappern, die sich in den negativen Reviews immer wieder wiederholen.
Zunächst einmal: Kennt jemand Neil Gaimans "Neverwhere" (deutsch: Niemalsland)? Ich nämlich nicht. Aber offensichtlich hat Marzi - glaubt man den Reviews - dort in großem Stil abgeschrieben.
Da ich Neverwhere nicht kenne, kann ich dazu gar nicht so viel sagen - außer, dass es so viele Bücher auf dieser Welt gibt, dass es meines Erachtens fast unmöglich ist, eine Idee zu haben, die niemand vorher hatte.
Zweiter Vorwurf: Schlechter Schreibstil. Das wiederum ist Ansichtssache. Marzi neigt dazu, sehr lange, verschachtelte Sätze zu schreiben und viel zu beschreiben. Wem das nicht gefällt, der soll es eben lassen, aber es gibt durchaus Autoren, die das viel "schlimmer" machen und deren Werke trotzdem in die Weltgeschichte eingegangen sind - J.R.R. Tolkien nur so als Beispiel.
Dritter Vorwurf: Ständige Wiederholung der immer gleichen Phrasen.
Irgendwo stimmt das. Tatsächlich gibt es Phrasen, die der gute Herr Marzi öfter mal wiederholt - aber es passt zum Buch. Das genervte "Fragen Sie nicht!", dass Wittgenstein Emily stets an den Kopf wirft, wenn sie in kindlicher Neugier viele Fragen stellt, ist schon so eine Art Running Gag - ich jedenfalls musste jedesmal schmunzeln. Auch andere Phrasen, wie "Die Welt ist gierig", wiederholen sich öfter, geben dem Buch aber dadurch einen ganz besonderen Charakter, da es so wirkt, als sei die ganze Geschichte zusammengehörig.

So, nachdem wir die üblichen Vorwürfe abgegrast haben, kommen wir nun zu dem, was Lycidas zu meinem absoluten Lieblingsbuch gemacht hat.
Christoph Marzi versteht sich blendend darauf, irgendetwas Kleines, scheinbar Unbedeutendes einfließen zu lassen und es 200, 300 Seiten später wieder aufzugreifen, sodass der Leser denkt "DAS war ja auch noch, genau!". Er spinnt Rätsel und erfindet die fantastischsten Lösungen. Personen sind nicht das, was sie zu sein scheinen und in diesem Buch sind, um die Protagonistin zu zitieren, "alle Katzen grau" - keiner ist 100%ig gut oder böse, jeder hat verschiedene Seiten.
Zusammen mit anderen Faktoren ist es eben dies, was dem Buch einen gewissen Realismus verleiht, der bewirkt, dass man mitgerissen wird und mitfühlt - obwohl die restliche Geschichte nun doch sehr fantastisch ist. Der Autor bedient sich in sämtlichen Mythologien und Sagen dieser Welt und verknüpft sie auf eine Art, die einen nicht mehr loslässt.

Zusammenfassend gesagt hat Christoph Marzi ein Werk geschaffen, dass dem Leser den Kopf verdreht, ihn verwirrt und trotzdem berührt.

Vor einer Sache sei allerdings gewarnt. Obwohl die Protagonistin ein Kind ist, ist Lycidas mitnichten als Kinderbuch anzusehen. Teilweise ist es schon ein bisschen gruselig und für Kinder wahrscheinlich auch zu schwer zu verstehen - auch ich musste manche Sachen zweimal lesen.
Weiterhin würde ich das Buch nicht unbedingt als "klassische" Fantasy bezeichnen - wer Drachen, Schwerter und Zauberer mit langen weißen Bärten sucht, ist hier falsch.
Außerdem braucht man eine Menge Ausdauer - der Roman ist 860 seiten stark und nicht gerade groß gedruckt - man sollte also ein wenig mehr Zeit einplanen.

Wenn man aber bereit ist, sich die Zeit zu nehmen und sich auf Lycidas wirklich einzulassen, ist dieses Buch ein wunderbares Leseerlebnis, was man so schnell nicht wieder vergisst.

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